Nadine Gordimer im Interview

"Südafrika hat einen nationalen Kater"

Ist die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer eine hoffnungslose Optimistin? Ein Interview über die Probleme ihrer Heimat Südafrika, das Alleinsein und ihr neues Buch.

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Wir bügeln gerade die Folge von drei Jahrhunderten Rassismus aus!

Ein regnerischer Sommernachmittag in Johannesburg, vor einer guten Viertelstunde war man mit Nadine Gordimer verabredet, doch noch immer kurvt der Taxifahrer völlig orientierungslos durch die stillen Straßen des Villenviertels Parktown West: keine Frere Road weit und breit! Anruf bei der Nobelpreisträgerin: "Frau Gordimer, ich glaube, wir haben uns verfahren..." Kleiner Seufzer in der Leitung, dann die routinierte Anweisung: "Reichen Sie dem Fahrer das Handy!" Zwei Minuten später hat Nadine Gordimer den Wagen souverän durchs Villenlabyrinth gelotst. An der Tür ihres Hauses erwartet sie uns: eine zierliche Dame, zerbrechlich fast, mit wachen grauen Augen, die feinen Lippen kräuselt ein leises Lächeln, der Händedruck ist überraschend fest. Im Kaminzimmer serviert ein schwarzer Haushälter Tee. Über das Gespräch wacht eine streng blickende Balzac-Büste. Wachhund Tilla, ein uralter Weimeraner, schlabbert dem Gast unterdessen mit Hingabe die Beine ab.

Brigitte Woman: Ich muss ja gestehen: Als ich vorhin mit dem Taxifahrer durchs Viertel irrte, dachte ich schon, ich müsse unsere Verabredung verschieben - weil wir das Haus einfach nicht finden konnten...

Nadine Gordimer: Ach, da sind Sie nicht die Einzige. Ich habe schon alle übers Telefon hierher dirigiert: Freunde, Lieferanten, Journalisten... Mittlerweile rufe ich selbst nur noch einen ganz bestimmten Taxifahrer an, wenn ich irgendwohin will. Der findet den Weg zum Glück allein. Dabei liegt das Haus gar nicht so versteckt. Die Leute geben nur zu schnell auf!

Brigitte Woman: Das müsste man bei Ihnen bestimmt nicht befürchten. "Ich weigere mich, ohne Hoffnung zu sein", haben Sie mal in den 80ern gesagt. Da ging es um größere Probleme als Orientierungsschwierigkeiten in hübschen Vororten...

Nadine Gordimer: Das waren tatsächlich dunkle Zeiten. Viele meiner Freunde, schwarze wie weiße, saßen im Gefängnis, weil sie gegen das Apartheidregime kämpften. Einige meiner Bücher durften hier nicht veröffentlicht werden, weil ihre Botschaft der Regierung nicht passte. Die Hoffnung haben wir trotzdem nie verloren. Wir wussten nämlich: Wenn wir es schaffen, dieses schreckliche System zu überwinden, und zwar ganz allein, dann lösen wir auch alle weiteren Probleme, die danach noch auf uns warten. Das gab uns ungeheure Kraft.

Brigitte Woman: Gab es nie Momente des Zweifelns?

Nadine Gordimer: Schon. Aber seien wir ehrlich: Im Vergleich zu anderen hatte ich immer unverschämtes Glück. Ich saß ja nie im Gefängnis. Einmal habe ich in einem der großen Hochverratsprozesse als Zeugin ausgesagt. Meine Freunde hatten zu dieser Zeit große Angst um mich. Sie rieten mir, bloß jedes Mal vorm Losfahren das Auto auf Sprengstoff zu kontrollieren. Doch selbst da ist mir nichts passiert. Anderen haben die Bomben des Apartheid-Terrorkommandos Arme oder Beine weggesprengt.

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