Literatur
Lieblingsbücher: Die heilsamsten Seiten unseres Lebens
15 Liebeserklärungen an die Literatur: leidenschaftliche Leserinnen und Leser über ihre Lieblingsbücher.
Wladimir Kaminer, Schriftsteller
In der Sowjetunion fand das Interessanteste auf den Seiten von dicken Romanen statt. Zum Glück hatte meine Mutter eine Reihe abonniert, aus der ich die Kraft schöpfen konnte, um diese Hölle zu überwinden. Später in der Armee, als ich zwei Jahre lang allein im Wald saß, kamen andere Bücher hinzu: "Hundert Jahre Einsamkeit" von Márquez und "Einer flog über das Kuckucksnest" von Ken Kesey. Keine aufbauende Lektüre, aber sie entsprach meiner Lebenseinstellung, vor allem meinen Gefühlen, deren Geisel ich war. Heute entdecke ich Gott sei Dank auch andere Literatur.
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Sonya Kraus, Moderatorin
Damals als Teenager war "Die Rote Zora und ihre Bande" von Kurt Held meine kleine Bibel. Es hat mich unglaublich beeindruckt, dass ein Mädchen zur unangefochtenen Anführerin einer Jungs-Bande werden kann. Sie hat mir geholfen, meinen eigenen, durchaus feministischen Weg zu gehen. Hinzu kommt: Ich musste schon als Mädchen den Tod meines kleinen Bruders und den Freitod meines Vaters überstehen. Vielleicht waren solche Kämpferinnen-Naturen auch deshalb Vorbild für mich.
August Zirner, Schauspieler
"Kaspar Hauser" von Jakob Wassermann hat mir alles beigebracht, was man über Kindererziehung wissen muss. Wassermann ist ein wunderbarer Sprachmeister. Wie er Vertrauen und Verzweiflung beschreibt, diese ganze Grundstimmung im Roman - sie war mir immer wieder eine Warnung.
Necla Kelek, Sozialwissenschaftlerin und Publizistin
Mit Mitte 20 las ich die "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" und fand alle Fragen beantwortet. Simone de Beauvoir gibt den alltäglichen Dingen eine tiefere Bedeutung. Man muss im Leben alles bewusst und mit Liebe tun - das war meine Lehre daraus. Dieses Buch veränderte mein Leben. Ich wurde ein "Ich". Die Trauer darüber, dass man mir mein Istanbul geraubt hatte, verarbeitete ich in Tagebüchern. Ich lernte, dass das Glück nicht nur am Bosporus zu finden war, sondern überall, wo "ich" war. Und dass ich für mein Leben selbst verantwortlich bin.
Rüdiger Safranski, Philosoph und Schriftsteller
Romane, die mich einmal sehr beeindruckt habe, lese ich immer wieder. Zum Beispiel Kafkas "Schloss", Mark Twains "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" oder Cees Nootebooms "Philip und die anderen". Mit diesen Büchern kann ich mich in denjenigen zurückverwandeln, der ich einmal war. Eine wunderbare Selbstbegegnung. Große Romane geben mir ein Gefühl für die Geräumigkeit des Lebens. Insofern helfen sie. Weil es einem ja oft so eng wird. Literatur löst nicht unsere Probleme, aber sie löst uns.
Kim Fisher, Sängerin und Moderatorin
Meistens finde ich Liebesgeschichten in Büchern sehr kitschig, aber bei "Zwei an einem Tag" von David Nicholls hatte ich das Gefühl, jemand beschreibt Momentaufnahmen aus meinem Leben. Es geht um die vielen Chancen, die man aus falschem Egoismus, Feigheit oder Unsicherheit verstreichen lässt. Ich komme mir manchmal vor, als würde ich endlos auf den richtigen Bus warten. Bis ich mit 83 immer noch an der Haltestelle stehe und merke, dass mein Bus längst abgefahren ist.
Rebecca Gablé, Schriftstellerin
Je mehr sich die Welt eines Romans von meiner Lebenswirklichkeit unterscheidet, desto besser. Es kann ausgesprochen heilsam sein, seine Sorgen für ein paar Stunden beiseite zu legen. Ein Werk, bei dem mir das besonders gut gelingt, ist "Der Herr der Ringe" von J. R. R. Tolkien. Zum ersten Mal habe ich es vor etwa 30 Jahren im Urlaub gelesen. Mein Freund und ich hatten nur die ersten beiden Bände eingepackt und sind wegen des dritten Bandes eine Woche früher als geplant nach Hause gefahren. Wir mussten unbedingt wissen, wie die Geschichte weiterging. Der Freund von damals ist heute mein Mann. Vielleicht gehören zwei Verrückte, die für ein Buch eine Reise abbrechen, einfach zusammen.
Konstantin Wecker, Musiker, Schauspieler, Autor
Tiziano Terzanis Autobiografie "Noch eine Runde auf dem Karussell" hat mich stark geprägt. Er beschreibt darin, wie er nach seiner Krebserkrankung lernt, dem Tod wie einem Freund zu begegnen. Eine der bewegendsten Szenen ist die, in der er während der Therapie mit Sand spielen muss. Er denkt, dass er sich jetzt eigentlich darüber lustig machen müsste - und tut es nicht. Der leicht arrogante intellektuelle Überbau fällt von ihm ab. Das ist so unglaublich ehrlich! Langsam komme ich in ein Alter, in dem mich die Vergänglichkeit von innen her berührt. Sie ist ja auch etwas Schönes, sie gehört zum Leben dazu.
Anna Thalbach, Schauspielerin
Ich war 16, als ich "Der Schaum der Tage" von Boris Vian zum ersten Mal las. Und ich war getroffen, mitten ins Herz. Vian spricht die Sprache meiner Seele. Die Verbindung von Realität und Fantasie, von Liebe, Wut, Humor, Zärtlichkeit und der mitunter harten Ehrlichkeit. Ich kann jedes Wort sofort in ein Bild verwandeln. Jede Farbe stimmt.
Ingrid Noll, Schriftstellerin
Mit etwa 18 Jahren las ich zum ersten Mal "Buddenbrooks" und wurde sofort zur Missionarin. Ich erzählte meinen Schwestern vor dem Einschlafen daraus und stiftete sie zum Lesen an. Die Tragödien konnten wir uns auch in unserer Familie vorstellen. Von da an zitierten wir Thomas Manns Frühwerk gern und oft, herrschten uns mit "Assez, Christian!" an, wünschten uns "Sei glöcklich, du gutes Kend!" und stöhnten bei den Matheaufgaben: "Ich kann es nun nicht mehr!"
Margot Käßmann, Theologin
Als meine Kinder kleiner waren, sind wir oft mit sechs bis acht Familien in Urlaub gefahren, und wir Frauen haben parallel denselben Roman gelesen. Vor dem Urlaub haben wir überlegt: Welches Buch lesen wir? Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" war zum Beispiel in Frankreich naheliegend. Am Abend haben wir darüber gesprochen und aßen, weil bei Proust Madeleines vorkamen, Madeleines dazu. Das alles hat nicht nur die Lektüre enorm vertieft, sondern auch unsere Freundschaft. Es war eben etwas anderes, als nur über die Kinder und den Beruf zu reden. Die Bücher und Gespräche hat bis heute keine von uns vergessen. Interessant war zudem, dass die Männer sich nie beteiligt haben, es war unsere Zeit.
Cornelia Funke, Schriftstellerin
Das einzige Buch, das ich in den ersten Wochen nach dem Tod meines Mannes lesen konnte, war "Die Frau des Zeitreisenden" von Audrey Niffenegger. Es wird immer eines der wichtigsten Bücher für mich bleiben. Es drückt auf beeindruckende Weise Verlust und Liebe aus, Zusammengehörigkeit, unabhängig von Ort, Zeit, Sterblichkeit... Ich hatte das Glück, kurz darauf eine Führung über Londons Highgate-Friedhof zu machen, bei der unsere Führerin Audrey Niffenegger war - Realität und Fiktion aufs Magischste verwoben. .
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