Ein Buch und seine Geschichte
Das Verhältnis zwischen Zeit und Schnecke

Wir hätten es beinah übersehen: dieses kleine Buch von Elisabeth Tova-Bailey mit seinem blassgrünen Cover und einem Titel, der an ein zoologisches Lehrbuch denken lässt.

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Eva Demski hat uns zum Glück auf das Buch aufmerksam gemacht.

Eva Demski hat uns zum Glück auf das Buch aufmerksam gemacht.

"Das Geräusch einer Schnecke beim Essen" erzählt von einer Frau und ihrem ungewöhnlichen Haustier. Als die Schriftstellerin Eva Demski auf die Geschichte der US-Autorin Elisabeth Tova Bailey stieß, hat sie sie allen Freunden weiterempfohlen - auch uns.
Von der Schriftstellerin Eva Demski sind zuletzt erschienen: "Garten-geschichten" (235 S., 10 Euro, Insel-Taschenbuch) und "Rheingau" (128 S., 15 Euro, Hoffmann und Campe).

Eva Demski: "Der Titel fiel mir auf."

Zwischen all den Einworttiteln in den Buchvorschauen, die sich auf meinem Schreibtisch stapelten und mich anbrüllten: Gier! Verdammnis! Verblendung! Hier schien mir hingegen, als ob ich etwas zugeflüstert bekäme. Ich wurde neugierig. Der Name der Autorin, Elisabeth Tova Bailey, sagte mir nichts.

Die Geschichte beginnt mit einer mysteriösen Krankheit, die sich ins Leben der Autorin schleicht und dieses Leben buchstäblich lahmlegt. Zu dem Zeitpunkt ist sie 34 Jahre alt. Ihr Körper wird ein bizarrer, befremdlicher Ort, er gehorcht ihr nicht mehr; was ihr bleibt, ist die Wahrnehmung ihrer Umgebung. Es ist nicht einmal ihre gewohnte, man hat die Bewegungsunfähige in einem kleinen Studio untergebracht, in dem sie besser versorgt werden kann. Bailey beschreibt poetisch und sachlich zugleich, wie sie versucht, sich in ihren Erinnerungen einzurichten. Der Leser kommt ihr dabei sehr nah, und trotzdem bleibt sie, die sich auf Jahrzehnte mit ihrem reduzierten Zustand abfinden muss, geheimnisvoll. Das einzige öffentliche Bild von ihr ist ein Gemälde. Sie liegt darauf mit angezogenen Beinen auf einer Couch und hat einen Hund an ihrer Seite.

Bei guter Gesundheit scheint es einem selbstverständlich, dass das Leben einen Sinn hat, und es ist erschreckend, wie rasch eine Krankheit diese Gewissheit zunichtemachen kann.

Mit einem Geschenk fängt die eigentliche Geschichte an. Eine Freundin bringt der Kranken einen Topf mit einem ausgegrabenen Ackerveilchen mit, auf das sie eine kleine Schnecke gesetzt hat. Während ich diese stille Erzählung weiterlas, geschah etwas ganz Merkwürdiges mit mir. Lewis Carrolls Alice muss es so gegangen sein, als sie in den Brunnen fiel - die Maßstäbe gerieten mir völlig durcheinander. Großes - also Griechenlandkrise, Inflation oder Urheberrecht meinetwegen - wurde ganz klein und die winzige Welt der Schnecke und ihrer bewegungsunfähigen Beobachterin sehr groß. Für viele Stunden blieb das so, und das Gefühl ist auch Monate nach der Lektüre nicht verschwunden. Es ging nicht nur mir so. Auch Leute, die Schnecken schon mal auf ihren Tellern hatten und beim Buchtitel zuallererst an Kräuterbutter, Knoblauch und frisches Baguette denken mussten, waren nach der Lektüre nicht nur für diesen Genuss, sondern auch für manches andere verloren. Spinnen weg-saugen zum Beispiel oder Ameisen totsprühen wird plötzlich zu einem Problem, das haben mir sogar hartgesottene Gartenfreunde bestätigt. Ganz zu schweigen vom Durchschneiden der nackten Verwandten von Baileys kleiner Schnecke.
Ich war wie in einer Trance, als ich mit der Autorin den Wegen ihres neuen Haustiers folgte, ihre kulinarischen Vorlieben (Champignons!), Schlaf-, Trink- und Versteckgewohnheiten kennen lernte. Da Elisabeth Bailey eine kluge, gut organisierte und enorm wissensdurstige Autorin ist, setzt sie alles daran, ihre Kenntnisse über den kleinen Gastropoden zu erweitern und ihm, soweit möglich, den idealen Lebensraum schaffen zu lassen. Der Veilchentopf wird durch ein luxuriöses Terrarium ersetzt. Man kann sich das alles im Internet anschauen und das Geräusch, von dem im Titel die Rede ist, sogar hören (www.elisabethtova bailey.net). Das habe ich erst viel später gemacht, aber ich hätte die Bilder und Töne nicht gebraucht. Sie haben der Magie des Buchs nichts hinzugefügt.

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  • Ein Artikel aus BRIGITTE Woman Heft 8/2012
    Gemälde der Autorin: Edith B. LaRoche
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