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Ein zierliches weiß getünchtes Reihenhaus im Londoner Westen. Eine steile Treppe führt in den ersten Stock - und da steht sie, eine kleine Frau, das graue Haar zum unverkennbaren Knoten gedreht, mit klarem Blick und kräftiger Stimme: Doris Lessing, Autorin des berühmten "Goldenen Notizbuches" und große alte Dame der englischen Literatur. In ihrer Person bündeln sich die Tragödien des 20. Jahrhunderts: Sie wurde 1919 in Persien geboren, wuchs in der englischen Kolonie Südrhodesien inmitten eines um sich greifenden Rassismus auf, entflammte als junge Frau für den Kommunismus, ließ sich 1949 im Nachkriegseuropa nieder, wo sie zur leidenschaftlichen Anti-Ideologin wurde. Als Literatin sind es die großen Distanzen, die Doris Lessing bis heute faszinieren. Ihre Geschichten haben oft einen visionären Charakter, sind entweder weit in die Zukunft projiziert oder weit zurück in die Geschichte.
BRIGITTE-woman.de: Haben Sie mehr Fantasie als andere, Frau Lessing?
Doris Lessing: Es ist so langweilig, in einer Welt zu leben, die völlig überschaubar geworden ist. Ich habe mir schon immer gern fantastische Welten ausgedacht. Das bedeutet eine größere Freiheit beim Schreiben. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich in einer wilderen Welt aufgewachsen bin: im südrhodesischen Busch. So bin ich nie ganz und gar zu einer Engländerin geworden, ein Teil blieb fremd und Außenseiterin. Für eine Schriftstellerin ist dieser Blick von außen sehr gut.
BRIGITTE-woman.de: Und was sehen Sie da jetzt? Überall ist ja gerade von der Klimakatastrophe die Rede. Sie selbst haben schon vor vielen Jahren über die ökologische Zerstörung der Erde und die mit ihr verbundenen Gefahren geschrieben.
Doris Lessing: Ja, in "General Dann"* zum Beispiel erzähle ich, wie Menschen nach einer ökologischen Katastrophe auf die Zivilisation zurückblicken. Sie schauen auf uns, ihre Vergangenheit. Uns, die wir so unglaublich klug und fortschrittlich sind und uns dabei selbst zerstört haben. Die Menschen im Buch sind Flüchtlinge. Krieg, Bürgerkrieg, Hungersnot, Dürre - jeder flieht vor irgendetwas. In diese Richtung geht die Welt ja gerade, beschleunigt durch die Klimaerwärmung. Wenn das so weitergeht, wird es in absehbarer Zeit mehr Flüchtlinge geben. Aber ich merke nicht, dass sich die Welt darauf einstellt.
BRIGITTE-woman.de: Vielleicht fehlt uns die Weitsicht. Sie dagegen haben Sie schon oft bewiesen.
„Ich trage diese Kriege mein ganzes Leben in mir.“
Doris Lessing: Ich hatte schon immer diese Begabung zu Vorahnungen und Vorgefühlen. Manchmal weiß ich, wie Dinge in fünf Jahren sein werden. Ich nehme an, das stammt aus meiner Jugend. Damals war ich umgeben von Kriegsgeschädigten; mein Vater war ein Invalider, meine Mutter pflegte Verletzte im Lazarett. Dann kam der Zweite Weltkrieg mit all seinen Vorzeichen. Ich lernte, von diesen Schrecken nicht überrascht zu sein, sondern immer auf sie gefasst.
BRIGITTE-woman.de: Visionäre sind ja meist tragische Figuren, sie tragen die Last ihres Wissens auf den Schultern. Gilt das auch für Sie?
Doris Lessing: Ja, ich trage diese Kriege mein ganzes Leben mit mir herum. Das Merkwürdige ist: Statt sich irgendwann zu verflüchtigen, werden sie schwerer im Alter. Die Folgen dieser Kriege, das, was sie alles nach sich gezogen haben, werden mir immer bewusster.







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