Komplementäre Heilmethoden

Osteopathie-Behandlung: Was passiert da eigentlich?

Von außen ist oft kaum zu sehen, wie Osteopathen arbeiten. Aber tief im Inneren des Körpers kann die Osteopathie-Behandlung viel in Bewegung setzen - allein mit Fingerspitzengefühl.

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Foto: Dan Race/ Fotolia.com

Hände umfassen meine Fußknöchel, legen sich auf die Knie und auf die Schultern, wölben sich um meinen Hinterkopf. "Ihre Lenzpumpen funktionieren nicht optimal", sagt Johannes Fetzer, während er meine Beine und Arme beugt. Ich schaue ihn fragend an. "Das ist wie bei einem Schiff", antwortet der Hamburger Osteopath, Physiotherapeut und Heilpraktiker. "Wenn eine große Welle kommt und Wasser in ein Schiff schwappt, sorgen die so genannten Lenzpumpen dafür, dass es wieder trockengelegt wird. Funktionieren sie nicht richtig, bleibt ein Rest Wasser im Schiff. Mit jeder neuen Welle sammelt sich mehr, bis das Schiff sinkt. Beim Körper ist es genauso. Jede Belastung überschwemmt ihn. Kann er die Folgen nicht 'abpumpen', summieren sie sich, und er wird krank."

Mein Körper erzeugt häufig Nacken-und Kopfschmerzen, vor allem nach langen Schreibtischtagen. Die Hände drücken jetzt auf meinen rechten Unterbauch. Ein Schmerz schießt bis in den Rücken. Nicht sehr "sanft". "Der Hüftstrecker rechts ist zu fest", sagt Johannes Fetzer. "Die Spannung setzt sich bis in Nacken und Kopf fort. Wahrscheinlich eine Folge der chronischen Blinddarmentzündung." Von der Operation, inzwischen 30 Jahre her, hatte ich bei der Anamnese erzählt. Ebenso wie von einem schweren Sturz mit dem Fahrrad in Kindertagen. Minutenlang bohren sich die Finger in meinen Bauch, drücken kräftig auf die angespannte Stelle. Allmählich löst sich der Schmerz auf. Ein Kribbeln breitet sich aus, Wärme. Mein Körper setzt seine "Lenzpumpen" in Bewegung. Die Hände haben ihm einen heilsamen Anstoß gegeben.

Hilfe zur Selbsthilfe - mit Fingerspitzengefühl statt Stethoskop

Hände, sensible, extrem feinfühlige Hände mit perfekt geschulten Tastrezeptoren an den Fingerkuppen - das sind die Instrumente von Osteopathen. Erfahrene Therapeuten können damit, Schicht für Schicht, tief in den Körper hineinspüren, Spannungen in Gewebe und Organen ertasten und Störungen in der Funktion entdecken. Und sie können durch gezielte Berührungen, spezielle Techniken und filigrane Handgriffe diese Spannungszustände beeinflussen, Blockaden auflösen, Dysfunktionen beseitigen und auf diese Weise den Organismus wieder in Balance bringen, seine Selbstheilungskräfte aktivieren. "Osteopathie ist eine vielseitige und effektive, elegante und nebenwirkungsarme Möglichkeit, Patienten mit den unterschiedlichsten Beschwerden zu helfen", sagt Dr. Hans-Christian Hogrefe, Chefarzt der Orthopädie am Klinikum Landau in Bad Bergzabern und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteopathische Medizin e. V. (DGOM). "Im Vordergrund steht dabei die Wiederherstellung der körpereigenen Ressourcen." Hilfe zur Selbsthilfe. Fingerspitzengefühl statt Stethoskop, allerfeinste Handarbeit.

Begründet wurde diese manuell-therapeutische Methode 1874 von dem amerikanischen Arzt Dr. Andrew Taylor Still (1828-1917). Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie weiterentwickelt, unter anderem von seinem Schüler, dem Arzt William Garner Sutherland (1873-1954), und um die Cranio-Sacral-Therapie ergänzt (Schädel-Kreuzbein-Therapie), bei der vorwiegend am Kopf und am unteren Ende der Wirbelsäule gearbeitet wird. Der Name, den Still seiner Methode gab - von "osteo-", griechisch für "Knochen-", und "pathos", griechisch für Leiden -, führt jedoch in die Irre. Osteopathie ist mehr als eine Behandlung des Skeletts, sie ist eine ganzheitliche Therapie. Eine Form der Regulationsmedizin, wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer in seiner Bewertung feststellt. Dahinter steckt die Idee, dass alle Systeme im Körper miteinander verbunden sind. Gelenke, Muskeln, Organe, Nerven, Blut-und Lymphgefäße arbeiten nicht isoliert, sondern als Teile des großen Ganzen. Fein austariert und exakt aufeinander abgestimmt. Nur wenn alles harmonisch läuft, funktioniert der Organismus problemlos.

Gerät der Körper aus dem Takt, sammelt sich "Sand im Getriebe"

Der Körper ist gesund. Gerät jedoch irgendwo etwas aus dem Takt, sammelt sich durch Überbelastung "Sand im Getriebe", sind Funktion und Beweglichkeit oft nicht nur dort gestört, es können auch an einer ganz anderen Stelle Beschwerden auftreten. "Kribbelnde, eingeschlafene Hände können zum Beispiel ihre Ursache im Becken haben", sagt Birgit Gillemot. Die Münchener Osteopathin hat sich auf frauenspezifische Probleme spezialisiert. Sie weiß: Nach den Wechseljahren lockert sich das Stützgewebe, die inneren Organe sacken nach unten, das Zwerchfell steht dagegen hoch. Die Folge sind Spannungen im Oberkörper und Staus in seinen Gefäßen. Nervenbahnen werden eingeengt und geraten unter Druck. Das ändert sich erst, wenn das Gewebe wieder elastischer und beweglicher ist.

Auch chronische Kopf- und Rückenschmerzen hängen vielfach mit Veränderungen im unteren Becken zusammen, wie Birgit Gillemot in ihrer Praxis sieht. Eine Gebärmuttersenkung, Verschiebungen im Becken durch Schwangerschaften, ein Dammriss, Narben nach Kaiserschnitt oder Blinddarmoperation sind mögliche Ursachen. Funktion und Versorgung der Organe wie Darm, Nieren und Gebärmutter sind gestört, und da diese in Verbindung zur Lendenwirbelsäule stehen, kann das Schmerzen auslösen. "Verändertes und vernarbtes Gewebe ist wie ein verfilzter Pullover, nicht mehr so elastisch", sagt die Osteopathin. "Bekommt der Körper einen Anstoß, kann er die Fasern jedoch zumindest teilweise wieder verändern, geschmeidiger machen."

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  • Text: Monika Murphy-Witt
    Ein Artikel aus der BRIGITTE WOMAN
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