Ich kann ein Lied singen. Das Lied handelt vom Rückenschmerz, ich singe es alle Jahre wieder. Seit zwei Wochen hat das Lied eine neue Strophe: In meinem rechten Bein sticht es wie verrückt, die Zehen am rechten Fuß sind taub. Mein Orthopäde diagnostiziert einen leichten Bandscheibenvorfall und verschreibt Schmerztabletten. Danach habe ich Krämpfe - im Magen. Da lese ich zufällig einen schönen Satz: "Um zur Wahrheit zu gelangen, muss man sich wenigstens einmal im Leben entschließen, alles zu bezweifeln - soweit dies möglich ist." Ich bezweifle, dass die klassische Behandlung die einzig mögliche ist. Und ich bezweifle, dass der Philosoph René Descartes, von dem der Satz stammt, dabei an Bandscheiben gedacht hat.
Eine Woche später bin ich in einer Praxis in Berlin-Kreuzberg. Dr. Christine Baumeister, Internistin und Myoreflex-Therapeutin, drückt mit dem Finger auf verschiedene Stellen an meinen Beinen und Füßen. Das tut manchmal ein bisschen weh, manchmal kribbelt es nur. Allerdings nicht unbedingt da, wo sie mich behandelt. Dann tastet sie am Becken und unter den Rippen. "Suchen Sie etwas Bestimmtes?", frage ich. Sie sucht und findet den "IIiopsoas", einen kräftigen Muskel im Becken, der unter anderem die Wirbelsäule führt, zentriert und hält. Ich verstehe zwar nicht, was sie da tut, aber meinem Körper gefällt es. Nach der zweiten Behandlung kann ich wieder auf den Zehenspitzen des rechten Fußes stehen. Bei der fünften Behandlung denke ich auf einmal an ein Foto von mir als kleines Mädchen. Darauf stehe ich in einer Körperhaltung, wie ich sie heute noch habe. Nach der siebten Behandlung laufe ich (fast) wieder wie geschmiert.
Die Myoreflex-Therapie integriert Anatomie und Neuropsychologie
Mit Wunderheilung hat das nichts zu tun. Die Myoreflex-Therapie ("myo" kommt von dem griechischen Wort für Muskel) beschäftigt sich mit dem Muskelsystem, dessen Steuerung durch das zentrale Nervensystem und mit der Biomechanik des Bewegungsapparates. Dabei integriert diese spezielle Form von Therapie unter anderem Kenntnisse aus der Anatomie, der Neurophysiologie und -psychologie und der modernen Hirnforschung sowie Erfahrungen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin und der Feldenkrais-Methode.
„Auf Dauer wird die vermeintliche Lösung zum neuen Problem.“
Muskeln brauchen wir zum Atmen und Lachen und Lieben und Laufen. Also in etwa für alles. Normalerweise machen wir uns keine Gedanken über ihre Arbeit. Wir spüren sie erst, wenn sie einen Kater haben oder wenn sie durch Verletzungen oder einseitige Belastung geschädigt sind. Dann tun sie weh. Um den Schmerz loszuwerden, stellt der Organismus alles Mögliche an. Wem sich der Nacken beim Arbeiten am Computer verkrampft, der dreht zwischen zwei Mausklicks automatisch Kopf und Schultern hin und her, um die Muskulatur zu lockern. Als meiner Wade das Laufen zu viel wird, erfinde ich eine prima Alternative: Ich beginne zu hinken.
Schonhaltungen oder das Vermeiden bestimmter Bewegungen helfen gegen den Schmerz, jedenfalls kurzfristig. Auf Dauer aber wird die vermeintliche Lösung zum neuen Problem. Dann zieht es plötzlich statt in der linken Wade in der rechten Hüfte. Und zum verspannten Nacken, an den man sich schon gewöhnt hat, kommt der Kopfschmerz hinzu: Der Schmerz hat sich fortgepflanzt.
Ich hatte mit gymnastischen Übungen oder wenigstens mit ein bisschen Massage-Quälerei gerechnet. Aber auch in der zweiten Therapiestunde liege ich gemütlich auf dem Rücken, und die Ärztin drückt wieder auf bestimmte Punkte meiner Wade und des Iliopsoas-Muskels. Dann geht sie mir an den Hals. Sie drückt die führenden Muskelzüge des Atlas, das ist der erste Halswirbel, der den Kopf trägt und die ganze Wirbelsäule aufrichtet.










