Reportage
B.K.S. Iyengar: "Ich bin der freieste Mann der Welt"

Früher galt Yoga als exotisch. Dass heute auch in Deutschland Millionen von Menschen Haltungen wie "Baum", "Hund" und "Dreieck" üben, ist B.K.S. Iyengar zu verdanken. Wir haben ihn in seinem Institut in Pune besucht.

B. K. S. Iyengar ist der bedeutendste Lehrer des modernen Yoga. Er hat als Erster Frauen unterrichtet. Auch mit 95 Jahren gehört der Kopfstand zu seinen täglichen Übungen.

B. K. S. Iyengar ist der bedeutendste Lehrer des modernen Yoga. Er hat als Erster Frauen unterrichtet. Auch mit 95 Jahren gehört der Kopfstand zu seinen täglichen Übungen.

Foto: Namas Bhojani

Noch immer steht er da. Auf einer sorgsam gefalteten grünen Decke am Fenster. Kerzengerade und völlig unbeweglich. Auf dem Kopf. Seit 15 Minuten. Oder sind es bereits 20? Die Zeit scheint eine Pause zu machen an diesem feucht-warmen Morgen im indischen Pune. Ich muss aufpassen, dass ich nicht die Luft anhalte. Meine Augen abwenden kann ich auf keinen Fall. So fasziniert bin ich von diesem Mann. Kaum zu glauben, dass er schon 95 Jahre alt ist.

"Yoga ist eine Kunst", hat er gestern zu mir gesagt. Bellur Krishnamachar Sundararaja, kurz B. K. S. Iyengar, der bedeutendste Lehrer des modernen Yoga, hat sie bis zur höchsten Perfektion verfeinert, sein Leben lang. "Selbst wenn ich nur einen Finger strecke, sollen die Menschen so gefesselt werden, dass sie sich selbst bewegen", so sein Anspruch. Ich bin gefesselt, auch wenn er sich gar nicht rührt. Erstaunlich, dass nicht alle Schüler hier im halbrunden Saal im ersten Stock seines Yoga-Instituts ehrfurchtsvoll um ihn herumsitzen und seine Kunst betrachten. Aber jeder ist mit seinen eigenen Übungen beschäftigt, konzentriert, still oder leise stöhnend, nur ab und zu verbeugt sich jemand vor "Guruji", wie sie ihn liebevoll nennen; dann huscht ein Lächeln über sein ansonsten ernstes, fast strenges Gesicht.

Die Übungsfolge, die er uns heute Morgen zeigt, soll Alterserscheinungen vorbeugen. Sein Körper ist der beste Beweis dafür, dass sie funktioniert. Irgendwann, da war er so um die 60, hat er aufgehört, Yogastellungen zu üben, hat nur noch meditiert, wie frühere Meister es empfahlen. Aber er fühlte sich nicht wohl damit. Seitdem macht er wieder täglich Asanas, auch fordernde.

"Der Körper ist der Pflug der Seele", sagt er zu mir. "Wenn der Pflug nicht benutzt wird, wie kann man das System aufrechterhalten?" Immer hat er die Beweise bei sich selbst zuerst gesucht. Sein Körper ist sein Labor, sein Objekt für seine Studien. Aus seinen eigenen Reaktionen, Einschränkungen, Schmerzen hat er gelernt. Er hat geübt und beobachtet, die Übung verändert und wieder beobachtet. "So bekam ich das Verständnis für das, was ich tat", sagt er. "Gleichgewicht, Koordination, Halten; solange diese drei Dinge nicht erreicht sind, ist eine Position nicht korrekt. Deshalb habe ich die Qualität meiner Präsentationen verfeinert, wie einen Fluss, der unendlich fließt. Und ich habe die Bewegungen des Körpers mit dem Geist in Verbindung gebracht, ohne den Verstand damit zu belasten."

Über 200 klassische Yogastellungen hat er in seinen Schriften systematisch beschrieben, ihre genaue Wirkung auf Muskeln, Skelett, Nervensystem und innere Organe erklärt, detaillierte Übungsreihen zusammengestellt, auch für Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Und er entwickelte - typisch für seinen Yogastil - Hilfsmittel, Holzklötze, Stoffgurte, Schaumstoffblöcke, Hocker. Seine Yogapraxis wurde immer präziser, fundierter, wissenschaftlicher, seine Methode populärer. Von seinem Perfektionismus profitieren alle, die von ihm lernen. "Guruji hat nur einmal mein Ohr zurückgezogen, und sofort war mein Nacken nicht mehr so angespannt", erzählt Tian Yan Carole. "Seitdem habe ich beim Kopfstand keine Probleme mehr. Er hat eine sehr direkte Art, uns zu zeigen, wie Yoga gelebt wird."

Die 35-Jährige gehört zu einer Gruppe von 60 Chinesen, die gerade einige Wochen in Iyengars "Shala" in Pune verbringen, darunter vier Goldmedaillen-Gewinnerinnen der Olympischen Spiele in Peking mit ihrem betreuenden Arzt. Dicht gedrängt liegen sie auf ihren Matten, fast gleichzeitig heben alle die Beine in den Kopfstand. Mühelos sieht das aus, aber Geeta S. Iyengar, 69, die älteste Tochter des Meisters und promovierte Ayurveda-Ärztin, ist nicht zufrieden. "Ihr müsst loslassen", fordert die Spezialistin für Frauen-Yoga mehrmals. "Verbindet euch mit der Erde. Wer sich erdet, kann loslassen. Und wer loslässt, kann alles erreichen."

Das hat sie schon als Kind von ihrem Vater gelernt. "Ich habe ständig seine Augen beobachtet", erzählt sie. "Der Ausdruck in seinen Augen und das, was er gesagt hat, haben mir viel gezeigt. So lernte ich seinen Ansatz, Yoga zu praktizieren, Regelmäßigkeit, Disziplin, tiefes Engagement. Und darüber hinaus einen Weg, das Leben zu führen und den Wert des Lebens zu respektieren. Ich bewundere seine Aufrichtigkeit, seine Kühnheit und seine Aufgeschlossenheit. Er ist ein sehr mutiger, ehrlicher und hingebungsvoller Mensch. Er hat mein ganzes Leben beeinflusst."

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  • Text: Monika Murphy-Witt
    BRIGITTE woman 01/14

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